Kompetenzzentrum in New Brunswick, Kanada

Erstes Interview der CoC-Serie - 1. August 2013

Autor

Pierre Mullin

Pierre Mullin, Leiter der Produktforschung und -entwicklung für Energy Automation.

Hintergrund:
Im Sommer 2012 haben Siemens Kanada und der Energieversorger New Brunswick Power im kanadischen Fredericton (New Brunswick) ein Kompetenzzentrum für Smart Grids eröffnet. Nach der „Smart-Grid-Kompass“-Methode wird Siemens New Brunswick Power in einer mehrjährigen Partnerschaft bei der Modernisierung des Energieversorgungssystems unterstützen. Das folgende Interview haben wir mit Pierre Mullin, Leiter der Produktforschung und -entwicklung für Energy Automation, geführt. Mit einem gemischten Team aus 16 Mitgliedern arbeitet er derzeit unter anderem am Design und am Rollout von Smart-Grid-Software. 

Können Sie uns erläutern, wie die folgenden vier Partner von diesem Gemeinschaftsprojekt und ihrer Vernetzung untereinander profitieren werden? 1) Siemens 2) New Brunswick Power 3) die Provinz New Brunswick sowie 4) die Universitäten in New Brunswick
 
Die Initiative bewirkt sich selbst verstärkende positive Effekte. Diese gehen zum einen von dem starken lokalen Fundament der Software-Entwicklung und Ingenieursexpertise sowohl auf der kommerziellen als auch auf der akademischen Seite aus. Zum anderen basieren sie auch auf der Ambition von Siemens und New Brunswick Power, die Smart-Grid-Technologie der nächsten Generation zu entwickeln. New Brunswick Power wird ein bahnbrechendes Smart-Grid realisieren, das nicht nur Kosten in erheblicher Höhe einsparen, sondern auch eine nachhaltige Energieinfrastruktur schaffen wird.NB Power will be deploying a world-leading smart grid that will not only result in significant cost savings, but will also create a sustainable energy infrastructure.

Für Siemens bedeutet diese Initiative ein „Living Lab“, ein Experimentierfeld in einer realen Umgebung, das wir als Vorführraum für potenzielle Kunden nutzen können und das zudem unser Portfolio an Smart-Grid-Produkten insgesamt stärkt.

Lokale Konstruktions- und IT-Unternehmen werden Fachkenntnisse aufbauen, die sie in New Brunswick einsetzen und auch in andere Märkte übertragen können. Alle Beteiligten werden von einer stärkeren Spezialisierung auf Smart-Grid-Forschung an den örtlichen Universitäten und Fachhochschulen profitieren, aus denen eine neue Generation an Smart-Grid-Experten hervorgehen wird.

Der Online-Ausgabe der Zeitung „The Herald“ war zu entnehmen, dass die „meisten neuen Mitarbeiter aus dem lokalen Umfeld stammen, was der Strategie von Siemens entspricht, die Crème des globalen Smart-Grid-Wissens mit der lokalen Expertise der beindruckenden Talentschmiede von New Brunswick zusammenzuführen“. Könnten Sie uns das näher erklären?

Das Smart-Grid-R&D-Team von Fredericton wurde vor Ort angeworben, aber neben einer Reihe von gebürtigen New Brunswickern gehören auch Fachkräfte zum Team, die aus aller Herren Länder stammen. Die Gemeinsamkeit für viele Neukanadier in unserem Team besteht darin, dass sie sich für ihr Studium in Kanada niederließen und sich dann entschlossen, hier zu bleiben.Das ist ein großer Gewinn für die kanadischen Universitäten und die lokale Wirtschaft. Kanada ist in den letzten vierhundert Jahren immer ein Einwanderungsland gewesen. Jede Einwanderungswelle hat sich durch ihre eigene Mischung an Fähigkeiten und kulturellen Hintergründen ausgezeichnet.

Unser kundennahes Kompetenzzentrum ist ähnlich vielfältig strukturiert und vereint lokale Expertise mit Kapazitäten aus ganz verschiedenen Regionen, darunter Siemens-Experten aus Europa und ein renommierter Fachautor und Berater für Smart-Grids aus Texas.

Sie haben erwähnt, dass Ihr Team einen vielschichtigen kulturellen Hintergrund mitbringt. Was ist das Besondere an dieser Vielfalt? 

Unsere Diversität bringt viele verschiedene Perspektiven und Ansätze für Problemlösungen an einen Tisch. Sie verbessert auch unsere globale Sichtweise des Markts. Auf sozialer Ebene ist es eine wertvolle Erfahrung, von anderen Kulturen und Traditionen zu lernen. Interessant ist auch, dass wir alle in der Software-Entwicklung tätig sind und dadurch einen ähnlichen Hintergrund in Bezug auf unsere Entwicklungstechniken mitbringen, der uns quer durch alle Sprachen und Kulturen eint. Obwohl wir also nicht alle Mandarin, Hindi und Deutsch sprechen, kennen wir uns alle mit Java, C und XML aus.

Wie fügt sich Ihr eigener Hintergrund in das Team ein?

Ich bin gebürtiger Frederictonian und habe viele Jahre in den USA und in anderen Gegenden in Kanada verbracht. Vor ein paar Jahren hat es mich wieder nach Fredericton verschlagen. Nach meinem Universitätsabschluss als Informatiker begann ich meine Laufbahn bei einem Stromversorger (tatsächlich bei New Brunswick Power) und wechselte dann in die Software-Produktentwicklung und -Beratung. Die Chance auf eine führende Rolle im Smart-Grid-Team von Siemens Kanada passte geradezu frappierend zu meiner beruflichen Entwicklung.

Software spielt im Smart-Grid eine wichtige Rolle. In welchen Bereichen des „Softgrid“ forschen Sie im Moment?

Unser Schwerpunkt liegt derzeit auf dem Nachfragemanagement mit besonderem Fokus auf Analytik, Lastenregeloptimierung und Entwicklung anpassbarer Schnittstellen für ein breites Spektrum an Geräten und Technologien. Mit all diesen Dingen können unsere Kunden ihr Erzeugungsmanagement und den Verbrauch von Energieressourcen ganz genau abstimmen. Vor dem „Smart-Grid-Zeitalter“ wäre das auf diesem Niveau undenkbar gewesen. Anstatt also massive Überkapazitäten zu erzeugen, um Verbrauchsspitzen abzufedern, können die Stromversorger jetzt den Quotienten Gesamtkapazität:Verbrauch optimieren und müssen nicht mehr den Spitzen hinterherjagen. Dadurch erspart man sich den Bau und den Betrieb kostspieliger Erzeugerquellen, die die meiste Zeit ungenutzt bleiben, ganz abgesehen von ihrer Auswirkung auf die Umwelt. Wir können grün wirtschaften und zugleich finanziell davon profitieren.

Welchen Unterschied sehen Sie zwischen Software für die Energiewirtschaft und Software für andere Branchen, insbesondere in Bereichen, in denen die IT-Entwicklung weiter fortgeschritten ist wie im Gesundheitswesen, der Telekommunikation und der Finanzwelt?

Mit diesen Technologien befördern wir das Energieverteilungsnetz in das 21. Jahrhundert. Während andere Bereiche wie die Telekommunikation, die Fabrikation und das Gesundheitswesen grundlegende digitale Transformationen in den letzten 20 Jahren hinter sich gebracht haben, wird bei den lokalen Netzen immer noch dieselbe Grundarchitektur wie vor mehr als 100 Jahren genutzt.

Ebenfalls sehr reizvoll an unserer Arbeit hier ist es, dass wir uns genau im Zentrum des „Internet der Dinge“ befinden, wo unsere Softwaretechnologie mit der realen Welt, den Wohnungen und Arbeitsplätzen der Menschen verbunden ist und direkt mit Geräten und Anlagen interagieren kann. Dieser sehr plastische Aspekt unserer Arbeit ist ansprechend, weil er sich von der sonstigen Arbeit an Dingen abhebt, die nur „in der Cloud“ existieren.

Wird man diese Innovationen nur in Kanada oder auch in anderen Ländern nutzen können?

Der Schwerpunkt unserer Produktentwicklung ist global, und unsere DRMS-Software wird bereits außerhalb von Kanada eingesetzt, vor allem in den USA, wo ausgereifte und erstklassige Marktmechanismen dafür sorgen dass Verbraucher Demand Response-„Negawatts“ verkaufen können, so wie ein Erzeuger elektrische Energie im Netz verkaufen kann. Wir beabsichtigen, uns auf dieser Grundlage und mit eingebetteten Softwareprodukt-Angeboten zusätzliche Geschäftsfelder zu erschließen. 

Die Unternehmenssoftware aus unserer Produktentwicklung stellt die Backoffice-Systeme bereit, die für die Nachfragemanagement-Programme und die Leitstelle für Demand Response-Ereignisse benötigt werden.

Diese (noch nicht freigegebenen) integrierten Hardware- und Softwarelösungen werden es Siemens ermöglichen, weitere Bausteine des Mosaiks aus Smart-Grid und dem Internet der Dinge anzubieten. Mit diesen Modulen können wir Lösungen liefern, die das Smart-Grid unmittelbar und einfacher als bisher mit den Standorten unserer Kunden vernetzen.